E-Learning: Lebenslanges Lernen am Arbeitsplatz
Unternehmen steht in Zeiten der Digitalisierung eine grosse Bandbreite an Lösungen zur Verfügung, um ihre Mitarbeiter zu schulen. Welche Formate haben sich etabliert und was sind die jeweiligen Vor- und Nachteile?
«Früher bestand eine Karriere aus drei Stufen: Ausbildung, Arbeit, Ruhestand. In Zukunft werden wir ein mehrstufiges Leben führen: Wir arbeiten nach der Ausbildung als Festangestellter oder Freiberufler, in Voll- oder Teilzeit, und wechseln sogar mehrfach [...] unseren Karriereweg.»
– Jane Hart, Gründerin des Centre for Learning & Performance Technologies
Die digitale Transformation krempelt unsere Arbeitswelt nachhaltig um: Technologien, Geschäftsmodelle und berufliche Anforderungen verändern sich schneller als je zuvor. Um konkurrenzfähig zu bleiben, müssen Unternehmen ihre Mitarbeiter auf den Wandel vorbereiten – und in gewisser Weise selbst zu Bildungseinrichtungen werden. Dafür steht ihnen eine fast unüberschaubare Bandbreite an Tools und Methoden zur Verfügung. Ob LMS, MOOC oder EPSS: Bei so vielen Buzzwords und Fachbegriffen ist es nicht einfach, den Überblick zu behalten. Deshalb stellen wir in dieser Übersicht sechs der bekanntesten Begriffe aus der Welt des digitalen Lernens vor, die jeder Personalentwickler kennen sollte.
1. MOOC (Massive Open Online Course)
MOOCs (ausgesprochen: «Muhks») sind Online-Kurse, die vielen Teilnehmern gleichzeitig zur Verfügung stehen und keine Zugangsbeschränkungen haben. Zur Teilnahme meldet man sich lediglich auf der jeweiligen Plattform an. Üblicherweise werden MOOCS von Bildungseinrichtungen wie Universitäten angeboten, um möglichst vielen Menschen einen Zugang zu den Lektionen zu ermöglichen.
Die Kurse bestehen aus einer Reihe von Video-Lektionen sowie Tests und Übungen zur Vertiefung des Lernstoffs. Viele MOOC-Plattformen bieten zudem eigene Netzwerke an, in denen sich die Teilnehmer untereinander austauschen können. Zu den bekanntesten Anbietern der MOOC-Branche gehören Coursera und Khan Academy.
Vorteile
● MOOCs sind zeitlich und räumlich flexibel: Die Teilnehmer lernen ortsungebunden und in ihrem eigenen Tempo.
● Die Teilnehmerzahl ist unbegrenzt.
● Nach erfolgreichem Abschluss erhalten die Teilnehmer einen Nachweis über die neu gewonnenen Fähigkeiten. Die Bandbreite geht dabei von staatlich anerkannten Abschlüssen bis zur einfachen Teilnahmebescheinigung.
Nachteile
● Vor allem Privatpersonen profitieren von dem günstigen und frei zugänglichen Wissensangebot. Für Unternehmen ist die Einführung von MOOCs jedoch mit viel Aufwand verbunden, zum Beispiel für die Erstellung der Inhalte, Qualitätssicherung, Implementierung und Datenschutz.
● MOOCs erfordern Selbstdisziplin und Selbstlernkompetenz, die nicht jeder Mitarbeiter mitbringt. Die Abbruchrate ist deshalb hoch.
● Da die Lektionen aufgezeichnet sind, können die individuellen Fragen der Teilnehmer nicht berücksichtigt werden.
● Abhängigkeit von technischer Infrastruktur: Die Teilnahme an einem MOOC erfordert eine schnelle Internetverbindung.
2. ILT (Instructor-Led Training)
Der Anglizismus ILT steht für den klassischen Unterricht mit einem Trainer, zum Beispiel in Form von Seminaren, Webinaren oder Workshops.
Vorteile
● Der Trainer kann die Lerninhalte an den Wissensstand der Teilnehmer anpassen.
● Teilnehmer können spezifische Probleme ansprechen, die möglicherweise nicht in einer aufgezeichneten Sitzung behandelt werden.
● Im Rahmen des Trainings profitieren alle Teilnehmer vom Austausch mit der Gruppe.
● Der Unterricht findet zu festen Zeiten statt, die Teilnahme ist verbindlich. So stellt das Unternehmen sicher, dass alle Mitarbeiter die gleiche Wissensbasis aufbauen.
Nachteile
● Die Anzahl der Teilnehmer ist bei Präsenzschulungen auf wenige Personen begrenzt.
● Bei Wissenslücken fühlen sich die Teilnehmer vor ihren Kollegen blossgestellt.
● Der Trainer gibt das Lerntempo vor, individuelle Bedürfnisse können nicht immer berücksichtigt werden. Dadurch wird ein Teil der Lernenden nicht abgeholt.
● Unternehmen müssen Hotels und Trainer buchen, Verpflegung und Schulungsmaterialien bereitstellen und den Arbeitsausfall der Mitarbeiter kompensieren.
● Der grösste Nachteil von Webinaren liegt in der Abhängigkeit von der Technik: Hat der Trainer Probleme mit seiner Internetverbindung, kann die Veranstaltung nicht stattfinden.
● Seminare und Webinare sind zeitlich unflexibel. Mitarbeiter sind an bestimmte Termine gebunden – wer die Teilnahme verpasst, fällt im Lernprozess zurück.
3. Gamification
Gamification bezeichnet die Übertragung von Spielelementen in einen Nicht-Spiel-Kontext. Beispiele für Gamification sind Rollenspiele, Fortschrittsanzeigen, Punkte und Ranglisten. Gamification unterscheidet sich von anderen Lernkonzepten dadurch, dass die Teilnehmer nur dann im Programm weiterkommen, wenn sie bestimmte Aufgaben gelöst haben.
Vorteile
● Der natürliche Spieltrieb des Menschen wird genutzt, um Neugier zu wecken und die Motivation zu steigern. Eine erfolgreiche Gamification-Strategie sorgt dafür, dass die Lernenden am Ball bleiben.
● Die Teilnehmer erhalten Feedback in Echtzeit.
● Durch die hohe Interaktion wird das Gelernte häufig wiederholt und langfristig gemerkt.
● Spiele bieten eine sichere Umgebung, in der die Teilnehmer aus Fehlern lernen und eigene Lösungen entwickeln können.
Nachteile
● Mitarbeiter werden oftmals nur kurzfristig motiviert.
● Um langfristig effektiv zu bleiben, müssen die Spielmechanismen laufend angepasst werden. Dies stellt für Unternehmen einen grossen Aufwand dar.
● Durch den Wettbewerb mit anderen Mitarbeitern entsteht Druck, der demotivierend wirken kann.
4. LMS (Learning Management System)
LMS bzw. Lernplattformen sind Software-Systeme, mit denen Organisationen ihre Lehrmaterialien erstellen, verwalten und für Nutzer bereitstellen können. Folgende Funktionen gehören hier zum Standard:
● Nutzerverwaltung (Anmeldung, Vergabe von Rollen und Rechten)
● Autorentool für die Erstellung von Lehrmaterialien
● Verwaltung von Dateien und Medien in den verschiedenen Kursen
● Werkzeuge für Kommunikation und Zusammenarbeit (Videokonferenz, Chat, Foren)
● Werkzeuge für das Lernen (Übungen, Checklisten, Notizen, Kalender)
Zu den bekannten LMS, die in Unternehmen und Bildungseinrichtungen weltweit zum Einsatz kommen, gehören Moodle und DoceboLMS.
Vorteile
● Ein LMS ist ein «Baukasten für Lehrinhalte», der an die Bedürfnisse eines Unternehmens angepasst werden kann. Alle Funktionen kommen dabei aus einer Hand. Unternehmen müssen sich keine Gedanken über die einzelnen Bausteine wie Autorentools, Kommunikationswege und Design machen.
● Mitarbeiter lernen in ihrem eigenen Tempo und sehen jederzeit, wie weit sie durch eine Trainingseinheit gekommen sind.
● Beim Bearbeiten der Übungen erhalten die Nutzer Feedback vom System.
Nachteile
● Die Anschaffung eines LMS ist mit hohen Kosten verbunden, zum einen für die Integration und zum anderen für den Support.
● Die Nutzerfreundlichkeit bleibt bei traditionellen LMS oftmals auf der Strecke. Ein häufiger Kritikpunkt ist, dass LMS als «Ablagestapel für Videos und PDFs» genutzt werden und zu wenig praxisnahe Kenntnisse vermitteln.
5. EPSS (Electronic Performance Support Systems)
EPSS sind intelligente Software-Tools, die automatisch erkennen, welche Aufgabe der Nutzer gerade bearbeiten möchte und in Echtzeit die passenden Informationen anzeigen. Ein Beispiel für EPSS kennen die meisten Menschen aus dem Alltag: Das Navigationssystem zeigt dem Autofahrer den Weg zum Ziel – Schritt für Schritt und in Echtzeit. EPSS haben sich besonders in der Branche der Software-Schulungen etabliert, zum Beispiel in Form von digitalen Assistenten, die den Nutzer direkt in der Software durch Prozesse führen. Im deutschsprachigen Raum hat sich unter anderen die EPSS-Lösung von Userlane etabliert.
Vorteile
● «Learning» und «Doing» finden gleichzeitig statt. Mitarbeiter müssen die Arbeit nicht unterbrechen, um ein Video anzusehen oder ein FAQ durchzulesen. Alle benötigten Informationen werden direkt innerhalb der Software angezeigt.
● Die Hilfestellung erlaubt den Nutzern, die Software ohne Training oder Vorkenntnisse zu bedienen, da sie bei jedem Schritt unterstützt werden.
● Schnelle Erfolgserlebnisse führen dazu, dass Mitarbeiter neue Software schneller akzeptieren.
● Unternehmen können eine unbegrenzte Anzahl an Mitarbeitern gleichzeitig schulen.
Nachteile
● EPSS dienen als «Spickzettel», der bei akuten Problemen weiterhilft. Sie eignen sich nicht, um umfangreiches Hintergrundwissen zu vermitteln.
● EPSS sind vor allem für Software-Schulungen nützlich. Viele Anwendungsfälle (zum Beispiel Hardware-Training oder Soft Skills) werden nicht abgedeckt.
● Die technischen Möglichkeiten von EPSS sind begrenzt. Die meisten Tools sind nur mit browserbasierter Software kompatibel.
6. Blended Learning
Unter Blended Learning versteht man eine Kombination unterschiedlicher Lernmethoden- und Medien, zum Beispiel einen Mix aus Präsenzschulung und MOOC. Damit vereint Blended Learning alle Vor- und Nachteile der bereits genannten Massnahmen.
Vorteile
● Blended Learning ist äusserst flexibel und anpassbar. Unternehmen kombinieren nach Bedarf, mit welchen Tools und Methoden sie ihre Mitarbeiter schulen.
● Selbstbestimmtes und betreutes Lernen werden kombiniert: Die Teilnehmer trainieren individuell und ihrem eigenen Rhythmus entsprechend. Zusätzlich werden sie von einem persönlichen Ansprechpartner betreut.
Nachteile
● Wie bei allen web-basierten Lösungen, sind die Lernenden auch hier abhängig von der technischen Infrastruktur.
● Bei einem Blended Learning kommen gleich mehrere Medien zum Einsatz. Das Problem: Nicht alle Mitarbeiter bringen die gleichen Medienkompetenzen mit. Besonders ältere Mitarbeiter haben hier Einstiegsschwierigkeiten und benötigen zusätzliche Unterstützung.
Fazit
Bei der Wahl der geeigneten Schulungsmethoden kann es kein Patentrezept geben. Eines ist jedoch klar:
Um konkurrenzfähig zu bleiben, müssen Unternehmen das lebenslange Lernen auf ihre Agenda setzen.
E-Learning bietet viele Chancen und Möglichkeiten, die Mitarbeiter zu unterstützen. Dabei muss jedoch beachtet werden, dass das Lernen nicht nur in den Schulungsräumen, sondern vor allem im Arbeitsalltag stattfindet. Dies erfordert eine Kombination unterschiedlicher Lehr- und Lernformen. Und E-Learning stellt dabei nur einen von vielen verschiedenen Bausteinen dar.
Dieser Gastbeitrag stammt von Tatjana Galinker, Redakteurin bei dem Münchner Software-Unternehmen Userlane. Dort recherchiert und verfasst sie Beiträge zu Themen rund um Lernpsychologie und Corporate Learning.